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Getting LOST in Crossover – Geht den Serienfans der Stoff aus?

Die beliebte TV-Serie ‘LOST’, die von 2005 bis 2010 ausgestrahlt wurde, zeigt sich trotz Serienende transmedial noch immer aktuell. Besonders im Medium der Fanfiction hat sich das Fandom stark etabliert und wird von den Fans noch heute lebendig gehalten. Die Fanfictions, die zur Zeit der Ausstrahlung der Serie geschrieben wurden, entstanden meist im Zusammenhang mit Spekulationen über den Fortgang der laufenden Serie sowie alternativen Ideen, wenn die Autoren die Fans mit der Serienhandlung nicht zufrieden gestellt hatten. Doch auch weit nach Ende der Serie versorgen sich die Fanautoren noch immer gegenseitig mit neuen und kreativen Geschichten rund um ihre Serienlieblinge. Dabei spielen nicht nur mögliche Neben- und Zusatzstories, sowie alternative Enden, sondern gar Vermischung mit komplett anderen Fandoms und deren Charakteren eine Rolle.

Diese sogenannten „Crossover“, auf deutsch sinngemäß „Handlungsüberschneidungen“, kommen in allen Fandoms vor. Dabei treffen zwei von einander unabhängige Fandoms, egal ob Fernsehserie, Film oder literarische Vorlage wie Comics, aufeinander. In einer gemeinsamen Geschichte sind verschiedene Charaktere, Handlungsorte oder andere einzigartige Elemente der Fandoms verbunden. Werden nicht nur zwei Universen miteinander verwoben, so nennt man dieses Zusammenkommen von noch mehr Welten „Multicrossover“.

Im Falle der TV-Serie ‘LOST’ rangieren bei den Crossover andere Mystery- und Fantasy-Serien, vereinzelt auch Filme, ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Die Fans sehen ihre Serienlieblinge besonders gerne im Verbindung mit Supernatural, Vampire Diaries, Buffy und Harry Potter. Doch woran liegt das? Grund hierfür kann sein, dass es leichter fällt, zwei Serien zu verbinden, die dem selben Genre entspringen. Bei Crossover ist es nicht nur entscheidend, dass die Charaktere aus den verschiedenen Fandoms zusammenkommen. Für ein glaubwürdiges und gutes Crossover braucht es eine Verstrickung der Handlung und Hintergründe. Zwar können generell Handlungsorte und Personen aus allen Fandoms miteinander kombiniert werden, der Fantasie des Autors sind schließlich keine Grenzen gesetzt. Die Figuren und Welten sollten aber kompatibel sein und dem Leser eine logische, theoretisch mögliche Geschichte erzählen, so könnte beispielsweise der Doctor aus Doctor Who mittels der Tardis in Hogwarts landen. LOST bietet durch seine Mystery-Elemente sowie durch seine Platzierung in der uns bekannten heutigen Welt genug Ansatzpunkte, um mit verschiedensten Fandoms kombiniert zu werden.

Warum entscheiden sich die LOST-Fans, ihr Fandom mit einem anderen zusammen zu tun? Eines ist auffällig: Die meisten Crossover zu LOST entstanden erst nach Ende der Serienausstrahlung. Allein auf der weitreichenden Plattform von Fanfiction.net wurden über 60% der Crossover nach Ende der Serie geschrieben und veröffentlicht. Davor wurden pro Jahr nur vereinzelt Crossover veröffentlicht.

Heißt das, die Fans haben inzwischen alle ihre Ideen zur Serie selbst aufgebraucht? Sind alle alternativen Enden geschrieben, alle möglichen Nebengeschichten erzählt und alle erdenklichen Pairings erprobt? So pauschal kann man das nicht sagen. Aber es zeichnet sich ein deutliches Bild ab. Eventuell suchen die Fans inzwischen einfach neue Herausforderungen. Crossover gelten in der Szene nämlich allgemein als relativ schwieriges Genre. Es wirft Fragen auf, ob sich die Charaktere ergänzen können, einander ebenbürtig sind, ja ob sie überhaupt gleichzeitig existieren können. Zu bedenken ist, wie die einzelnen Figuren aufeinander und bestimmte Situationen reagieren. Hier scheiden sich oft die Geister und Geschmäcker. Viele Fans, nicht nur von LOST, sind gegen Crossover. Diese bergen die Gefahr, dass die Charaktere „verfälscht“ werden, nicht so handeln und fühlen, wie es mancher Fan erwarten würde. Trotz aller Vorwürfe gegen diese Autorenfreiheit, der Trend, wie schon erwähnt, geht bei den LOST-Fans in Richtung Crossover. Egal, ob nun Sam und Dean Winchester mit Oceanic Flug 815 auf der Insel landen oder sich die LOST-Charaktere in Hogwarts wieder finden, die LOST-Fans erproben neue Wege, die Zuneigung zu ihrer Serie und deren Charakteren auszudrücken. Diese Art von neuer Herausforderung für die Fan-Autoren zeigt sich häufig in Fanfiction-Wettbewerben. Eine Großzahl dieser Contests steht unter dem Motto des Crossover. Warum auch nicht, schließlich gibt es hier noch schier unendliche Möglichkeiten für die Autoren. Sie müssen ihre Sache nur gut genug machen. Crossover werden zwar gerne geschrieben, viele freudige Leser finden sie unter den Fans allerdings nicht immer. Hier tritt wieder der bereits angesprochene Faktor der Authentizität von Handlung und Charakter zu Tage. Das Gesamtkonzept muss einfach stimmen, um eine gute Geschichte zu ergeben. Weiterer Faktor ist auch, dass Crossover zwei oder mehr Fandoms enthalten. Man muss zwar, um die Fanfictions zu lesen, nicht zwingend beide Fandoms mögen, geschweige denn kennen, aber es ist für die Annehmlichkeit des Lesens auch nicht unbedingt unerheblich. Mit Supernatural, Harry Potter und Co. wenden sich die LOST-Fans bislang am liebsten an ebenfalls beliebte Fandoms. Vielleicht ein Vorteil, Crossover scheinen vermehrt etwas für hartgesottene Fans zu sein, die sich gut in zwei oder mehr Fandoms auskennen müssen.

Die Frage, warum Crossover so beliebt geworden sind bei den LOST-Fans, besonders das Schreiben solcher, kann man folgendermaßen versuchen zusammenfassend zu beantworten:

LOST als die eigentliche Serie bietet den Fans wirklich keinen neuen Stoff mehr im Sinne einer weiterlaufenden Geschichte. Man kann nicht mehr viel spekulieren, auch alternative Enden sind inzwischen bald ausgeschöpft. Als Lösung für dieses Problem und neue Herausforderung für die Serienfans, die, trotz Ende der Serie 2010, noch immer an eben dieser hängen, sind Crossover bestens geeignet. Allein durch den Flugzeugabsturz in der Serie wird den Fans eine einfache und effektive Möglichkeit geboten, andere Fandoms in ihr Fandom einzubringen. Der Trend kann also noch eine ganze Weile weiter gehen, besonders, da es im Netz genügend hilfreiche Anleitungen gibt, wie man ein Crossover am besten schreibt. Es ist also zu erwarten, dass die Qualität der Crossover steigt, die Fans mehr von ihnen lesen und dementsprechend noch mehr Crossover geschrieben werden. Immerhin bietet das Schreiben von Crossover ja wirklich unbegrenzte Möglichkeiten. In ein paar Jahren finden sich so eventuell immer noch einige neue Fanfictions zu der dann schon „verjährten“ TV-Serie LOST, bei denen sich die Fans dann mit eigenem, neuen „Stoff“ versorgt haben.

Kategorien von Fanfiction im Tolkien-Universum

J.R.R. Tolkiens Werke rund um das Schicksal Mittelerdes (The Lord of the Rings, The Hobbit, The Silmarillion) erfreuen sich größter Beliebtheit, wenn es um sogenannte Fanfiction[1] im Web 2.0 geht. Unter Fanfiction versteht man in der Regel von Fans eines literarischen Werkes verfasste Geschichten, die die Handlung des Werks beispielsweise erweitern, verändern oder gar neue Handlungsstränge entwickeln. Fanfiction  bezieht sich zwar häufig auf literarische Werke, doch kann sie ebenso an Filme, Videospiele oder gar real existierende Personen (zum Beispiel Schauspieler) anknüpfen.                                                                                                            Fanfiction im Tolkien-Universum ist eines der am weitesten verbreiteten Fanfiction-Phänomene im Internet. Es gibt zahlreiche Seiten und ebenso zahlreiche Arten beziehungsweise Kategorien von Texten, von denen einige in diesem Essay kurz vorgestellt werden sollen. Festzustellen ist, dass neben englischsprachigen Werken ebenfalls eine beeindruckende Zahl deutschsprachiger Fanfiction existiert. So beinhaltet alleine die Website fanfiktion.de beispielsweise 6168 von Fans verfasste Geschichten aus allen Fandoms. Eine der größten englischsprachigen Websites, die eine Plattform speziell für Tolkien-Fanfiction bietet, ist lotrfanfiction.com. Auf ihr wurden insgesamt 4496 Geschichten von 1224 Autoren veröffentlicht. Auf der Seite werden die Werke direkt in verschiedene Kategorien eingeordnet, die sich so ebenfalls auf vielen weiteren Plattformen wiederfinden lassen.                                   Die umfangreichste Kategorie nennt sich ‚Book-verse‘. Sie beinhaltet Geschichten, deren Inhalt zu den Stories der oben genannten Werke passen muss. So können Handlungsstränge entwickelt werden, die sich parallel zu denen der Bücher abspielen, die mit ihnen verwoben sind oder in einer völlig anderen Zeit spielen. Eine ähnliche Kategorie stellt ‚Movie-verse‘ dar: Die dieser Kategorie zugeordneten Werke beziehen sich auf den Inhalt der Filme und passen sich diesem an. Diese Kategorie existiert, da der Inhalt der Filme sich (in geringem Umfang) von dem der Bücher, auf denen sie basieren, unterscheidet. In der Kategorie ‚Crossovers‘ wird Tolkiens Welt mit anderen fiktiven Welten aus Büchern, Filmen o.ä. kombiniert. So könnten beispielsweise Figuren aus The Lord of the Rings in den galaktischen Krieg aus der Star Wars-Saga verwickelt werden.                                                                                                      Eine Kategorie, die sich auch in vielen Listen von Kategorien auf verschiedensten Websites zum Thema Fanfiction findet, beinhaltet sogenannte ‚Slash-Literatur‘. Auf lotrfanfiction.com nennt sie sich konkret ‚Book Verse Slash‘ oder auch ‚‘Lord of the Rings Slash‘. Erstgenannte beinhaltet auf Tolkiens Bücher bezogene Geschichten, die sich mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften der Figuren befassen. Bei deren Inhalt kann es sich um Liebesbeziehungen oder „nur“ um erotische oder sexuelle Aktivitäten handeln. Zweitgenannte Kategorie beinhaltet Geschichten, die sich nur auf Charaktere aus The Lord of the Rings beziehen, wobei nicht explizit erwähnt wird, ob damit nur die Bücher oder auch die Spielfilme gemeint sind. Beide Kategorien umfassen knapp 400 Texte. Interessant ist, dass es keine Kategorie speziell für Geschichten rund um heterosexuelle Paarungen der Figuren gibt. Die letzte nennenswerte Kategorie lautet ‚Actor Fics‘, welche ebenfalls häufig auftritt. Ihr wird Fanfiction zugeordnet, die sich mit den realen Personen (Schauspielern) hinter den fiktiven Figuren der Filme befasst. Die Inhalte der Werke können sich in unterschiedlichsten Zeiten abspielen und ebenfalls unterschiedlichste Handlungen erzählen, von hetero- und homosexuellen Liebschaften über Erzählungen aus dem Alltag bis hin zu der Teilnahme der Schauspieler an historischen Kriegen oder ähnlichem. Betrachtet man die Zusammenfassungen zahlreicher Werke aus allen Kategorien, so wird das Gefühl vermittelt, dass es nichts gibt, worüber nicht schon geschrieben wurde. Ebenfalls häufig findet man Fanfiction-Wettbewerbe. Auf der in diesem Essay thematisierten Website hat es im Laufe der Jahre alleine 144 ‚Challenges‘ gegeben, an denen insgesamt 69 verschiedene Fanfiction-Verfasser teilgenommen haben. Den Teilnehmern werden meist Begriffe vorgegeben, die sie in ihrer Geschichte thematisieren müssen. Andere Möglichkeiten der Aufgabenstellung existieren selbstverständlich ebenfalls.

Die Betrachtung der Kategorien eröffnet einige interessante Möglichkeiten einer wissenschaftlichen Herangehensweise beziehungsweise wissenschaftliche Fragestellungen. So könnte hinterfragt werden, warum ausgerechnet die genannten Kategorien immer wieder auftreten mit einem konkreten Blick auf das häufige Auftreten der ‚Slash-Kategorien‘. Außerdem könnte man die für das Tolkien-Universum typischen Kategorien von Fanfiction mit denen anderer populärer Medieninhalte vergleichen, wie dem Star Trek-, Star Wars- Harry Potter- oder Twilight-Universum, wodurch sich eventuell für die erste Fragestellung relevante Erkenntnisse ergeben könnten. Es könnte ebenfalls hinterfragt werden, ob Fanfiction die Originalwerke der Autoren erweitert oder ob man sie separat betrachten muss.

[1] Wird im Deutschen häufig Fanfiktion geschrieben.