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Crossover und Constructed Reality in Fanvidding zur Serie “Lost”

Im Folgenden möchte ich ein von mir ausgewähltes Fan-Video “If I Lay Here || Lost Fanfic Promo || Boone&Riley”, auch bekannt unter dem engl. Begriff „Fanvidding”, zur US-amerikanischen Serie “Lost” auf seine Merkmale des Crossover und Constructed Reality untersuchen, in Anlehnung des Blogeintrags “How to Watch a Fan-Vid” von Henry Jenkins, der das Phänomen von Musik- und Fan-Videos am konkreten Beispiel eines Star Trek Vidding (“Star Trek + Nine Inch Nails = Closer”) untersucht. In diesem wird, durch die Darstellung einer homosexuellen Liebe zwischen Spock und Kirk, eine sogenannte Constructed Reality (“Konstruierte Wirklichkeit”) erschaffen.

In Medien generell, und auch auf Fanvidding bezogen, bezeichnet Crossover (“Handlungsüberschneidung”) das Auftreten zweier oder mehrerer Figuren, Handlungsorte oder anderer Elemente aus voneinander unabhängigen Werken in einer Geschichte. Crossover können in Fernsehserien oder Comics auftauchen, doch auch im Bereich Fanfiction und Fanvidding bietet die Überschneidung den Fans viele Möglichkeiten, ihre Ideen und Kreativität schriftlich und visuell umzusetzen. Durch die technische Weiterentwicklung haben sich besonders die Möglichkeiten für das Erstellen und Gestalten von Fan-Videos stark verändert. Dank der heute existierenden, modernen digitalen Mittel können selbst Crossover Videos, trotz zusammengewürfelter Ausschnitte verschiedener Serien oder Filme erzählerisch glaubwürdig aufgehen.

Durch Fanvidding haben die Fans generell die Möglichkeit, durch ausgewähltes Szenenmaterial und Unterlegung bestimmter Musik, Aspekte des Originals neu oder anders zu beleuchten oder gar neue Aspekte entstehen zu lassen. So ist es zum Beispiel sehr beliebt, zwischenmenschliche Beziehungen der Charaktere zu verändern und somit eine vom Fan gewünschte Romanze zwischen zwei Figuren entstehen zu lassen.
Im Beispiel von “Closer” handelt es sich zwar um eine Constructed Reality, nicht jedoch um ein Crossover, denn es werden lediglich verschiedene Ausschnitte innerhalb der Serie „Star Trek“ zusammengestellt, um die gewünschte Illusion zu kreieren (anders als beim Crossover, bei dem sich die Macher der Videos verschiedener Filme und Serien, in manchen Fällen auch an pornografischem Filmmaterial, für ihren Zusammenschnitt bedienen). Umso mehr Filmmaterial, in dem der selbe Schauspieler/Schauspielerin mitwirkt, vom Fan verwendet werden kann, desto mehr Spielraum und Möglichkeiten hat er, um die gewünschte Darstellung zu erzielen und glaubwürdig wirken zu lassen.

Das Verwenden von Crossovern bietet demnach nicht nur die Möglichkeit, fremdes Material in den Kontext des Originals einzubetten und somit Handlungsstränge und Beziehungen zu verändern, sondern ermöglicht ebenfalls, eine romantische Beziehung zwischen zwei Figuren unterschiedlicher Serien und Filme entstehen zu lassen.
–> Beispiel (Crossover): “Now or never – Damon/Kate (TVD/Lost)”. Hier wird die romantische Beziehung zwischen dem “Lost”-Charakter Kate und der “Vampire Diaries”-Figur Damon, deren Schauspieler Ian Somerhalder ebenfalls eine Rolle in “Lost” (Boone) verkörpert, dargestellt.

Ein anderes Beispiel, das im Rahmen der Serie “Lost” unter die Kategorie Constructed Reality (als auch Crossover) fällt, ist ein Fan-Video, in dem ein komplett neuer Charakter erschaffen und der Serie hinzugefügt wird: “If I Lay Here || Lost Fanfic Promo || Boone&Riley” (2.227 Aufrufe). Das Video basiert auf der Geschichte einer, aus zehn Kapiteln bestehenden, Fan-Fiction (36 Follows).

Hier wird die Figur Riley neu erschaffen, die ebenfalls an Bord des Oceanic Fluges 815 steigt und durch den Absturz der Maschine gemeinsam mit den anderen Überlebenden auf der Insel landet. Zwischen ihr und der Serienfigur Boone (gespielt von Ian Somerhalder) entwickelt sich eine schicksalhafte romantische Beziehung, die jedoch durch das zwiespältige Verhältnis von Boone zu seiner Stiefschwester Shannon zerrüttet und auf die Probe gestellt wird und schließlich mit dem tragischen Tod Boones endet. Auf ihrem Youtube-Kanal erklärt die Autorin der Fanfiction und des -vidding ihre Mangelerfahrung, die sie beim Schauen der Serie erlebt hat und die sie zum Kreieren der neuen Figur veranlasst hat:

“[…] This OC was born from the fact that Boone, in all his hotness, never got any love on the island. So I created Riley (Rachel McAdams), a sarcastic former storm-chaser who finds life on the island quite easy when she has people to share it with.”

Die erfundene Figur Riley wird im dazugehörigen Video durch Rachel McAdams verkörpert, bzw. durch den Zusammenschnitt verschiedener Sequenzen aus Filmen, in denen die Schauspielerin mitwirkt (u.a. aus “The Time Traveler’s Wife”, “The Notebook”, “The Lucky Ones”). Die Ausschnitte von Ian Somerhalder stammen, außer vereinzelter Ausnahmen von Sequenzen seiner Rolle in “Vampire Diaries”, aus Filmmaterialien der Serie “Lost”. Obwohl beide Schauspieler nie in demselben Film bzw. Serie mitgewirkt haben, wird, durch die geschickt angepasste Belichtung der jeweils zusammengeschnittenen Teile, die Illusion erzeugt, dass beide Rollen, Riley und Boone, tatsächlich miteinander agieren.

Da die Figuren bzw. die Schauspieler dies jedoch nie in Wirklichkeit taten, sind die Szenen jeweils so geschnitten, dass der eigentliche Partner in den Sequenzen wenig oder gar nicht erkennbar wird. Dadurch, dass der tatsächliche Film-Partner nicht konkret, sondern nur ansatzweise erscheint (indem beispielsweise nur den Hinterkopf oder das Haar sichtbar ist), wird dem Zuschauer glaubhaft gemacht, es handele sich bei der jeweils anderen Person tatsächlich um Ian Somerhalder bzw. Rachel McAdams.
Die zum Fan-Video ausgewählten Musiktitel aus dem Genre Pop- und Rock-Balladen unterstreichen dazu die romantischen, dramatischen und traurigen Szenen zwischen Boone und Riley.

Wie Jenkins bereits in seinem Blogbeitrag feststellte, sind Fan-Videos, die eine Constructed Reality darstellen, selten, da sie schwer umsetzbar sind. Der Großteil an Fanvidding ist lediglich ein Zusammenschnitt bestimmter Darsteller innerhalb derselben Serie, wobei die Beziehungen oder Handlungsstränge nicht verändert, sondern lediglich “zusammengefasst” werden. “Boone and Riley” ist, meiner Ansicht nach, ein treffendes Beispiel, sowohl für Constructed Reality, als auch für Crossover. Zudem vermittelt die hier vorhandene Verbindung zwischen Fanfiction und Fanvidding einen Eindruck über das hohe Maß an Fan-Engagement, das “Lost”, selbst nach Beendigung der Serie, mit sich gezogen hat.